Objektivierung
Die Objektivierung bezeichnet einen Übergang oder eine Überführung eines Subjektiven in die Form eines Objektiven; eine objektive Realisierung subjektiver Fähigkeiten, Gedanken, Ideen u.a.In der materialistischen Dialektik bedeutet Objektivierung vor allem die materielle Vergegenständlichung der menschlichen Wesenskräfte in der praktischen Tätigkeit, den Übergang der subjektiven Ideen, Fähigkeiten und Aktivitäten in die Form von Produkten und Arbeitsmittel, einschließlich der im Kunstschaffen, in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Tätigkeit sich vollziehenden objektiven Realisierung der Gedanken, Vorstellungen und Pläne des Subjektes in Kunstwerken u.a. Medien.
Die Objektivierung ist eine wesentliche Seite der Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt in jedem Produktionsprozess. Auch die Darstellung der Gedanken im gesprochenen oder geschriebenen Wort wird als Objektivierung bezeichnet. In bestimmten philosophischen Richtungen und in einigen Einzelwissenschaften hat der Begriff eine spezifsiche Bedeutung, die von der hier aufgezeigten Position der Objektvierung anders dargestellt oder gedeutet wird. Folgende Bedeutungsvarianten können unterschieden werden:
- 1. Bei G.W.F. Hegel hat Objektivierung äußerlich gesehen einen ähnlichen wie hier oben dargestellten Sinn, doch haftet der tieferen Bedeutung bei Hegel eine idealistsiche Ausprägung an: die "wahrhafte Objektivierung" ist bei ihm nur die "Rückkehr des Begriffs in sich" (in: Wissenschaft der Logik, 3. Buch).
- 2. In manchen, gegenwärtigen philosophischen Strömungen wird eine objektivierende Betrachtung mit der Forderung verknüpft, alles Subjektive aus dem Weltbild auszuschalten. Der Mensch wird dabei ausschließlich als erkennendes Subjekt gefaßt, als bloßer Betrachter, der sich rein theoretisch verhält und keinerlei praktisch-gegenständliche Tätigkeit ausübt. Eine solche objektivierende Betrachtung, die ausdrücklich auch von allen Sinn- und Wertzusammenhängen abstrahiert, ist selbst nur ein unwirkliches Abstraktum.
- 3. Der Physiker Max Born versteht unter dem Prinzip der Objektivierung die Methode, durch Vergleich von mindestens zwei Sinneseindrücken zu objektiv gültigen Aussagen und durch durch eine Reihe weiterer Vergleichsrelationen schließlich zur mathematischen Struktur physikalischer Phänomene zu gelangen, womit dann die objektive Erkenntnis dieser Phänomene vollendet sei. Das Hauptkriterium der Objektivität ist bei Born nicht die tätige Praxis, sondern die intersubjektive Mitteilbarkeit.
- 4. Einige Physiker verwenden "objektivieren" in der Bedeutung von "verdinglichen", indem sie z.B. erklären, das Atom könne in der modernen Physik "nicht mehr als ein Ding in Raum und Zeit objektiviert werden" (z.B. Werner Heisenberg). Gemeint ist damit, daß das Wort "Atom" kein Ding im klassischen Sinne, d.h. kein gewöhnliches, nur extrem kleines Körperchen von bestimmter Ausdehnung, Gestalt und weiteren untrennbaren Eigenschaften gemäß einer naiven Vorstellung vom Aufbau der stofflichen Materie bezeichnet, sondern einen der Anschauung nicht zugänglichen Begriff, der die (objektiv existierenden) kleinsten Einheiten chemischer Grundstoffe widerspiegelt.
- 5. Mitunter wird in der modernen Physik unter Objektivierung soviel wie Darstellung im Sinne der klassischen Physik verstanden und dann von einer "Einschränkung der Objektivierbarkeit in der Quantenphysik" gesprochen. In diesem Fall wird über den Begriff "Objektivierung" frei verfügt.
- 6. In der formalen Logik und Linguistik verbindet man den Begriff "Objektivierung" auf engste mit den Begriffen Intersubjektivität und Kommunizierbarkeit - bezogen auf das menschliche Wissen. Als Charakteristikum eines "objektivierten Wissens" ergibt sich, daß es ausschließlich durch deskriptive Sätze vermittelt wird; Frage- und Ausrufesätze, Gebots- und Verbotssätze sind unzulässig. Alle Objektsprachen genügen den Forderungen der Objektivierung in diesem Sinne.